1. Hintergründe
2. Die Grundlagen der Vipassana-Meditation
3. Meditation mit Lohnfortzahlung – die Tradition von U Ba Khin
4. Hippies, Freaks und ein achtbarer Geschäftsmann – Wirken von Goenka-jee
5. Keine Flucht vor dem Moment
6. Freude, Freude – Wut, Wut – Denken, Denken
7. Sechszehn Stunden sitzen, gehen, sitzen
8. Aufbruch nach Westen – Vipassana in den USA und in Europa

Theravadanetz. Die Vipassana-Story: Die Erkenntnis-Meditation wird wiederentdeckt

Herausgeber
Theravadanetzwerk der DBU
Theravada-Texte, Theravada-Artikel, Texte zum Theravada

Theravāda-Arbeitsgemeinschaft innerhalb der
Deutschen Buddhistischen Union (DBU)
Deutsche Buddhistische Union (DBU) e.V.
- Theravāda-Arbeitsgemeinschaft -
Amalienstr. 71
80799 München
Fax: 089-28 10 53
E-Mail: Theravada@dharma.de
Internet: www.theravadanetz.de, www.buddhismus-deutschland.de

© D.B.U. 2005

Das Kopieren für den privaten Gebrauch oder zur kostenlosen

Weitergabe wird hiermit gerne genehmigt.



1. Hintergründe
Die Menschen in Burma waren inspiriert von einer Prophezeiung, die zum 2500. Geburtstag des Buddhismus ein neues Zeitalter vorhersagte, in dem es, dank der Vipassana Meditation, wieder vollständig erleuchtete Menschen geben werde.

“Meditation als Weg zur Erkenntnis taugt nicht für Laien” – diese nüchterne Einschätzung war noch vor wenigen Jahrzehnten in Südostasien weit verbreitet. Damals war es üblich, zuerst meditative Versenkung  – samatha – zu üben, bevor man die Meditation der Erkenntnis – vipassana – praktizierte. Dieser Weg der tiefen Sammlung des Geistes erfordert aber ideale Umstände und besondere Fähigkeiten und war damit im Grunde nur Nonnen und Mönchen zugänglich – nur sie hatten die Zeit und Möglichkeit, in dieser Art zu meditieren. Laien blieb der Weg der Vipassana-Meditation daher meist verschlossen, ein Weg, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Ländern wie Burma und Sri Lanka ziemlich in Vergessenheit geraten war.

Dies änderte sich jedoch innerhalb einiger Jahrzehnte grundlegend: “Im buddhistischen Jahr 2500 (1956) war die Vipassana-Meditation zu einer wichtigen Betätigung ... in Burma geworden.” wie der Mönch Dr. Rewatta Dhamma Sayadaw es ausdrückte.  Vielleicht inspirierte die Menschen eine Prophezeiung, die zum 2500. Geburtstag des Buddhismus ein neues Zeitalter vorhersagte, in dem es wieder vollständig erleuchtete Menschen geben werde. Wahrscheinlich war auch das Ende der britischen Kolonialherrschaft ein Grund, sich wieder auf die eigenen spirituellen und kulturellen Wurzeln zu besinnen.

Den unmittelbaren Anstoss für die “Wiedergeburt” der Vipassana-Meditation hatten einige Meister der Jahrhundertwende gegeben. Sie waren davon überzeugt, dass Meditation im Sinne der "Vier Grundlagen der Achtsamkeit" schon zu Buddhas Lebzeiten nicht nur von Ordinierten praktiziert worden war, sondern auch von Laien. Und sie erkannten, dass man mit der "Meditation der Erkenntnis" auch beginnen kann, wenn Samatha, die vollständige Konzentration des Geistes, noch nicht erreicht ist. Diese Erkenntnis war die spirituelle (Wieder-)Entdeckung des Jahrhunderts! Denn sie machte Vipassana den Laien wieder zugänglich.

2. Die Grundlagen der Vipassana-Meditation
Grundlage der Vipassana-Meditation ist bis heute das Satipatthana Sutta, eine Lehrrede Buddhas, in der er die “vier Grundlagen der Achtsamkeit” beschreibt. In dieser Rede verspricht Buddha nichts weniger als das: “Dieser eine Weg führt (...) zur Überwindung von Kummer und Klage, zum Schwinden von Leid und Schmerz, (...) zur Verwirklichung der Befreiung, Nibbana.”   Die dafür zu praktizierenden “vier Grundlagen der Achtsamkeit” sind:
  1. die Achtsamkeit des Körpers, d. h. Achtsamkeit aller Körperempfindungen, einschliesslich des Atems;

  2. die Achtsamkeit der Gefühlstönung (vedana), d. h. Achtsamkeit der angenehmen, unangenehmen oder neutralen Gefühlstönung jedweder Erfahrung;

  3. die Achtsamkeit des Geistes, d. h. Achtsamkeit unserer Geistesqualitäten, Geisteszustände und Emotionen (z. B. Liebe, Hass, Wachheit, Schläfrigkeit, Konzentration, Verwirrung),

  4. die Achtsamkeit der Objekte des Geistes, d. h. Achtsamkeit aller übrigen Erfahrungen (Sehen, Hören, Schmecken, Riechen), der “Fünf Hemmnisse”, der “Sieben Faktoren des Erwachens”, der “Vier edlen Wahrheiten” und mehr.    

Das ist es, was in Vipassana-Retreats geübt wird. Schweigend, von morgens früh bis abends spät. Entscheidend dabei ist die innere Haltung des Übenden: Wach und kontinuierlich, freundlich und offen sollte sie sein, mit Gelassenheit und Mitgefühl alles, wirklich alles wahrnehmend, was in Körper, Herz und Geist entsteht, sich verändert und wieder vergeht – oder, wie Buddha in seiner Rede sagt: “eifrig, mit klarem Verständnis, alle weltlichen Wünsche und Sorgen loslassend". Es ist der Weg des ethischen Verhaltens (sila/shila), der Meditation (samadhi) und der Erkenntnis (pañña/prajña).

Über die konkrete Methode des Vipassana-Trainings sagt Buddha wenig; er legt nur das Grundsätzliche fest und lässt die praktische Umsetzung offen. So entwickelten sich über die Jahrhunderte verschiedenste Methoden und Formen der Meditation, die jedoch alle dasselbe Ziel anstreben: die Erkenntnis der der grundlegenden Charakteristiken aller Dinge des Daseins, nämlich der Tatsache, dass sie vergänglich (anicca), unerfüllend (dukkha) und nicht-selbst (anatta) sind. Dies ist eine Erkenntnis, die zum Aufgeben von Anhaftung und Abneigung und letztlich zur Befreiung vom Leiden führt. Zwar sind die meisten Lehrenden überzeugt, dass ihr Weg der effektivste und einzig wahre, von Buddha gelehrte Weg sei. Zum Glück gilt aber, dass jede die beste und wirksamste Methode ist – wenn man sie tatsächlich konsequent praktiziert.

In Bezug auf die Überlieferung der Vipassana-Meditation in den Westen hatten vor allem zwei burmesische Traditionen eine entscheidende Wirkung: Die Tradition von U Ba Khin, welche auf Ledi Sayadaw zurückgeht und von S. N. Goenka (sprich: Go-enka) und anderen nach Indien und in den Westen gebracht wurde und die Tradition von Mahasi Sayadaw (sprich: Sayado), die auf Mingun Sayadaw zurück geht und durch Anagarika Munindra und andere in Indien für seine westlichen Schüler und Schülerinnen zugänglich gemacht wurde..


3. Meditation mit Lohnfortzahlung – die Tradition von U Ba Khin
Die eine dieser zwei Überlieferungslinien kann man bis ins letzte Jahrhundert zurück verfolgen: 1846 kam in Burma ein Mann zur Welt, der schon mit 20 Jahren Bhikkhu, ein vollordinierter Mönch, wurde: der Ehrwürdige Ledi Sayadaw. Er war ein grosser Gelehrter und Verfasser von Dharma-Texten und Kommentaren und gründete Zentren für Vipassana-Meditation, die auch Laien zugänglich waren – im damaligen Burma etwas eher Ungewöhnliches. Einer von Ledi Sayadaws Schülern war Saya Thet – kein Mönch, sondern Bauer von Beruf. Saya Thet war von der Wirkung der Vipassana-Meditation so begeistert, dass er seine Angestellten und Landarbeiter dazu ermunterte, ebenfalls zu meditieren. Er bot ihnen 10-Tage-Kurse an, und als sie zögerten, zahlte er ihnen während dieser Zeit den üblichen Lohn weiter. Saya Thet war wohl einer der ersten Laien-Meditationsmeister in Burma, der kein Mönch war und auch überwiegend Laien die Meditation lehrte.

Saya Thets wichtigster Schüler, der die Tradition seines Lehrers mit Begeisterung fortsetzte, war Sayagyi U Ba Khin. Als leitender Regierungsbeamter galt er als sehr geschickt in der Bekämpfung der Korruption. In seinem Departement war er damit so erfolgreich, dass ihm die Leitung mehrerer Regierungsdepartements anvertraut wurde. Seine Anti-Korruptionsmethode bestand darin, dass er die Mehrzahl seiner Beamten zum Meditieren brachte. Das Resultat: Die Leute wurden ehrlicher, verantwortungsvoller, fleissiger. Anfangs meditierten die Beamten auf dem Dachboden seines Verwaltungsgebäudes, später erlaubte man U Ba Khin, seine 10-Tage-Kurse in geeigneten Räumen abzuhalten. Jeder, der die zehn Tage sass, erhielt seinen Lohn weiterbezahlt, denn es war offensichtlich, wie positiv sich die Meditation auf die Arbeit auswirkte.   (Vielleicht sollten unsere Verwaltungen das auch einmal probieren ...)

Sayagyi U Ba Khin begann 1941, Vipassana-Meditation zu lehren, und auch er lehrte, wie Saya Thet, hauptsächlich Laien. Er war ein Mann voller Energie, ein “spiritueller Dynamo”, wie ihn ein Zeitgenosse beschrieb. Neben all der Arbeit und seiner grossen Familie fand er noch Zeit, in einem Aussenbezirk von Rangoon, dem heutigen Yangon, ein Meditationszentrum, das International Meditation Center (IMC), zu leiten. Unter seinen Schülerinnen und Schülern waren nicht nur Burmesen, sondern auch Westler, von denen U Ba Khin später einige autorisierte, Vipassana-Meditation zu lehren. Darunter waren so ungewöhnliche Leute wie ein US-Amerikaner, der als CIA-Agent darauf spezialisiert war, "ungesehen in Gebäude einzudringen" und ein Ingenieur, der bei der NASA als Raketeningenieur arbeitete. Eine Schülerin von U Ba Khin, Ruth Denison,   lehrt seit 1975 in den USA und einmal jährlich auch in Deutschland, im Waldhaus am Laacher See. Eine sehr verwirklichte und im Westen bekannte burmesische Schülerin von U Ba Khin ist Mutter Sayama. Sie lebt heute in England und leitet dort Meditationskurse zusammen mit ihrem Mann Sayagyi U Chit Tin.


4. Hippies, Freaks und ein achtbarer Geschäftsmann – Wirken von Goenka-jee
Sri S. N. Goenka, bekannt als Goenka-jee, geboren um 1920, burmesischer Geschäftsmann indischer Abstammung, ist U Ba Khins wohl bekanntester Schüler. Goenka verliess Burma 1969, nach vierzehn Jahren Praxis unter U Ba Khin, um Dhamma – die Lehre – und die Vipassana-Meditation nach Indien zurückzubringen. Seit den Moslem-Invasionen im 12. Jahrhundert war der Buddhismus aus Indien verschwunden. Goenka verwirklichte U Ba Khins langgehegten Wunsch, die buddhistische Lehre in das Land ihres Ursprungs zurückzubringen.

1969 war auch die Zeit, in der die Morgenlandfahrt der Hippies und Freaks einen ersten Höhepunkt erreichte. So fanden sich in Goenkas Kursen nicht nur Inder, sondern mehr und mehr junge Menschen aus Europa, Amerika und Australien: langhaarige wilde Gesellen, die Eltern, Schule, Universität verlassen, mit allen Konventionen gebrochen hatten und das Dharma der psychedelischen Drogen, des Sex und Rock'n Roll praktizierten. Für Goenka-jee, den achtbaren Geschäftsmann aus wohlhabender Familie, eine Gefolgschaft, wie er sie sich wohl nie hatte träumen lassen. Goenkas erster 10-Tage-Kurs in Indien fand 1969 mit elf Teilnehmern statt. Ein Jahr später, in Bodhgaya, waren es schon 150.

Goenka lehrte nach folgender Methode:
  • 1. - 3. Tag: Sammlung durch Gewahrsein des Atems (anapanasati).

  • Ab dem 4. Tag: Vipassana. Dies bedeutet in dieser Tradition vor allem ein gleichmässiges, achtsames “Durchkehren” des ganzen Körpers auf der Ebene der subtilsten Körperemfindungen. Dies übt man in einstündigen Sitzperioden, ohne Gehmeditation.

  • Ab dem 5. Tag verpflichtet man sich zu den sogenannten Gelübde-Stunden – drei einstündige Sitzperioden pro Tag, in denen man sich unter keinen Umständen bewegen sollte. Diese Methode hilft, tiefer in die vergängliche Natur der Körperempfindungen (anicca) einzudringen und dabei unerschütterliche Gelassenheit zu entwickeln.

Begleitet wurden die Kurse von den morgendlichen Gesängen Goenkas auf Hindi und Pali, der Sprache Buddhas, und von Rezitationen der Buddha-Belehrungen, zum Beispiel über Vergänglichkeit, ethisches Verhalten, Liebe und Mitgefühl.
Entsprechend der Tradition seines Lehrers U Ba Khin, führt Goenka die Meditation der liebenden Güte (metta) mit in die Vipassana-Kurse ein – anders als in manchen Schulen, in denen Metta gesondert, als Konzentrationspraxis über einige Wochen oder Monate geübt wird.

Satya Narayan Goenka war wie U Ba Khin ein aussergewöhnlich energievoller Mensch – klein, rundlich, charismatisch. Manchmal erzählte er, wie es ihm in seinem ersten Retreat ergangen war. Als junger Mann – Sohn einer reichen, hinduistischen Industriellen-Familie – litt er an starker Migräne. Man hatte ihn zu Spezialisten geschickt, bis nach New York und Zürich, aber nichts half. Schon ziemlich verzweifelt, hörte er davon, dass Leute in buddhistischen Meditationskursen manchmal eine Besserung von ihren Krankheiten erfahren hätten. Skeptisch und widerstrebend liess er sich auf einen 10-Tage-Kurs ein. Doch im Grunde hatte er für Meditation wenig übrig – und als Hindu noch weniger für die buddhistische Lehre. Daran änderte auch der Kurs bei U Ba Khin nichts, und nach ein paar Tagen beschloss er zu fliehen. Er liess dem Chauffeur seiner Familie eine Notiz zukommen über die Stunde, zu der er ausserhalb des Zentrums warten solle, um ihn wieder nach Hause zu bringen. Irgendwie bekam Mutter Sayama, eine Burmesin, die zu dieser Zeit am IMC lehrte, Wind von dem Plan. Sie nahm Goenka das Versprechen ab, noch für einen vollen Tag mit absoluter Hingabe und Bemühen zu meditieren. Er tat es – und der Chauffeur fuhr allein nach Hause. Goenka fand sich bald in tiefen Meditationserfahrungen, seine Migräne heilte, und er entwickelte sich zu einem verwirklichten Meditierer. 14 Jahre praktizierte Goenka unter U Ba Khin, der ihn 1969 zum Lehren der Meditation autorisierte. Bald darauf zog er nach Indien und begann dort - und später auch im Westen - Vipassana zu lehren. In der Art wie er seine Kurse führte, war er pragmatisch und praktisch, klar in seinen Anweisungen und Entscheidungen. Er strahlte Zuversicht, Gelassenheit und Ruhe aus, und seine Lehrvorträge, die er übrigens nur selten je veränderte, waren von grosser Klarheit, aber auch von viel Humor geprägt. Sein Mitgefühl und seine Metta-Praxis waren immer spürbar - und der oft verwendete Ausspruch "Be happy!" wurde fast zu seinem Markenzeichen.

In den ersten Jahren seines Lehrens in Indien, leitete er beinahe ein Retreat nach dem anderen. Er hielt einen 10-Tage-Kurs, manchmal zweisprachig, irgendwo in gemieteten oder zur Verfügung gestellten Gebäuden, Viharas oder in Hotels, reiste dann drei Tage durch halb Indien und begann am vierten Tag den nächsten Kurs. Unermüdlich lehrte er, gab in jeder freien Minute Interviews, aus Zeitmangel oft sogar während des Gehens, das er als tägliche Körperübung pflegte.

Damals gab Goenka im Winter einen oder zwei 10-Tage-Kurse im Burmese Vihara in Bodhgaya. Danach zog er sich selbst zu einem 10- bis 14tägigen Retreat zurück, an dem immer rund 30 erfahrenere Schülerinnen und Schüler mitsitzen durften. Wir übernachteten – ähnlich wie heute die Teilnehmer der Vipassanakurse im Thai-Tempel –  Strohmatratze an Strohmatratze. Manche schliefen in einer Hausruine unter freiem Himmel, und, wenn es regnete, im Treppenhaus des Hauptgebäudes. Gleich nebenan, ausserhalb der Mauer, tobte der Alltag: lautes Gehupe, stinkende Lastwagen, menschenüberfüllte Busse, Pferdekarren, Händlergeschrei. Während der Festtage im Januar begleitete markerschütternde indische Filmmusik unsere Meditation, manchmal von Mitternacht bis Mitternacht. Ein lärmiger Jahrmarkt in der äusseren Welt, oft auch in unserer inneren Welt – und ein perfektes Feld für das Üben “heiterer Gelassenheit”.

Heute finden in Indien viele sogenannte Goenka-Kurse statt, und ein paar Stunden nördlich von Bombay gibt es ein grosses Goenka-Retreatzentrum. Auch in Europa und den USA sind inzwischen einige von Goenka inspirierte Zentren entstanden. Die meisten seiner Kurse, die immer noch "Goenka-Kurse" heissen, werden heute von seinen Assistenten geleitet, die Teilnehmer erleben Goenkas zehn Vorträge und seine Gesänge auf Video.  
Sehr grossen Wert legt Goenka auf die Reinheit der Methode: Wer sich tiefer in seiner Tradition engagieren möchte, wird dringend aufgefordert, alle Verbindungen zu anderen Lehrenden und anderen Meditationswegen abzubrechen. Diese Einschränkung kann für manche unterstützend sein, besonders angesichts der Tendenz im Westen, sich für immer neue, noch vielversprechendere spirituelle Angebote zu begeistern, ohne sich klar auf einem Weg zu engagieren. Auf viele wirkt diese Ausschliesslichkeit aber zu einschränkend. Sie finden, dass sie zu einer Fixierung auf eine einzige Methode und Sichtweise führen kann, die vom Reichtum der vorhandenen Mittel der vielfältigen buddhistischen Belehrungen und Gruppierungen isoliert. Sicher ist diese Überlieferungslinie aber eine der wertvollen Perlen, die wir Abendländer aus dem Osten überliefert erhalten haben.


5. Keine Flucht vor dem Moment
– die Tradition von Mahasi Sayadaw und Anagarika Munindra

Die andere Überlieferungslinie, deren Einfluss auf den Theravada Buddhismus im Westen sehr stark ist, kann auch über hundert Jahre zurückverfolgt werden: 1904 wurde im Dorf Mahasi in Burma ein Mann geboren, der entscheidendes für die Verbreitung der Vipassana Meditation in Burma und letztlich auch im Westen beitragen sollte: Mahasi Sayadaw. Sayadaw (spr.: Sayado) ist ein Titel, der nach zwanzig Jahren des Mönch-Seins verliehen wird. Schon im Alter von sechs Jahren begann er mit intensiven Studien und wurde schliesslich zu einem bedeutenden Gelehrten. Nach vielen Jahren des Lehrens buddhistischer Texte brach er auf, um nach einer klaren und effektiven Meditationspraxis zu suchen. Er fand seinen Meister, U Narada Mingun Jetawan Sayadaw, der ihn in der intensiven Praxis der Vipassana-Meditation anleitete. Nach Jahren der Meditation und weiteren Studien kehrte Mahasi Sayadaw in sein Dorf zurück und begann dort, die Erkenntnismeditation zu lehren.
Als Meditationslehrer weitherum bekannt unter dem Namen Mahasi Sayadaw, zog er 1949 nach Rangoon, wo er zwei Dutzend Menschen ins Vipassana einführte und damit die “Mahasi Tathana Yeiktha”,  das grösste Vipassana-Retreatzentrum Burmas – und wahrscheinlich der Welt – eröffnete. Seitdem üben dort jahraus, jahrein Hunderte von Menschen, Ordinierte und Laien, die befreiende Meditation der Erkenntnis. Dieser sehr praktische und im Grunde einfach zu übende Aspekt des Buddhismus hat sich seither weltweit verbreitet. Vipassana kehrte in dieser Form auch zurück nach Sri Lanka, das Land, aus dem der Theravada-Buddhismus nach Burma gekommen war. Die Mahasi-Schule zählt heute in Burma, in Südostasien und ausserhalb Asiens an die 300 Zentren, in denen Vipassanakurse angeboten werden. Eine aussergewöhnliche Ehre wurde Mahasi Sayadaw 1956, am buddhistischen Weltkonzil, 2500 Jahre nach der ersten Lehrrede Buddhas, zuteil. Er wurde mit der Rolle des Hauptbefragers betraut, der zentralen Rolle zur Klärung und Erhaltung von Buddhas Lehren für viele kommende Generationen.

Anfangs der sechziger Jahre besuchte der Inder Anagarika Munindra das Mahasi-Zentrum in Yangon. Munindra wurde um 1917 geboren und stammt aus der Sippe der Baruas, die vor tausend Jahren vor den eindringenden Mohammedanern nach Osten geflüchtet waren. Sie bilden bis heute eine buddhistische Minderheit im heutigen Bangla Desh. Munindra war aktiv am Buddhismus interessiert und zog deshalb in jungen Jahren nach Bodhgaya, Indien, wo er Mitglied des Mahabodhi-Tempel-Komitees wurde. Dieses verwaltet den Tempel beim Baum, unter dem Buddha die Erleuchtung erlangte. Letztlich genügte es aber Munindra nicht, ein Verwalter des buddhistischen Erbes zu sein. Deshalb reiste er nach Burma, wo er im Zentrum des Mahasi Sayadaw die Vipassana Meditation gründlich und erfolgreich praktizierte. Er blieb - als ordinierter Mönch - etwa acht Jahre im Zentrum, wo er die Lehre studierte und auch als Meditationslehrer wirkte. Munindra ist ein schmaler, kleiner Mensch, fröhlich, unbeschwert und gerne in Bewegung - ein an allen Dingen interessierter, geradezu neugieriger Mensch. Ob es sich um die Tiefen der Meditation oder um die Besonderheiten einer anderen Kultur handelte, immer war er bereit Neues zu lernen. Am Ende der sechziger Jahre, etwa zur gleichen Zeit wie Goenka, kehrte er nach Indien zurück, wo er vorerst in Bodhgaya im Burmese Vihara lebte und in der Tradition seines Lehrers Mahasi Sayadaw Vipassana-Meditation lehrte.

Anagarika Munindra war sehr präzise in der Methode, die er lehrte. Zugleich erinnerte er immer wieder daran, dass es nicht um eine spezielle Methode oder Technik geht, sondern um die Achtsamkeit, welche zu befreiender Einsicht führt. Munindra hatte am Ende seiner Lehrzeit bei Mahasi Sayadaw in Burma 14 Vipassana-Zentren besucht. Er fand, dass sie viele verschiedene Methoden anwandten und oft von der Einzigartigkeit ihres Zugangs überzeugt waren. Doch sie beruhen alle auf ein und derselben Grundlage: dem achtsamen Gewahrsein zum Zwecke der befreienden Erkenntnis.

Im Burmese Vihara in Bodhgaya, wo auch Goenka im Winter Kurse gab, waren wir bei Anagarika Munindra immer zehn bis dreissig Leute, die den ganzen Winter blieben, darunter Joseph Goldstein, Sharon Salzberg, Christina Feldman und viele andere. Auch Surya Das, der sonst meist mit dem tibetischen Lama Kalu Rinpoche praktizierte, besuchte bei Munindra einige Kurse. Wegen der Hitze zogen wir im Frühling nach Dalhousie oder Dharamsala in die Berge am Fusse der Himalajas. Im Winter, wenn es in der Ebene kühler war, praktizierten wir wieder in Bodhgaya.

Munindra gab zu Beginn seiner Kurse die Belehrungen immer selbst, war aber froh, wenn ihn nach zwei, drei Tagen jemand ablöste. So bat er 1972 Anagarika Sujata, einen Amerikaner, den Kurs fortzusetzen. Und Sujata tat das auf spezielle Art: In sogenannten "Intensivgruppen" wurde täglich 16 Stunden formale Meditation geübt, wobei man sich zu zweit gegenübersass, zu zweit am gleichen Ort Gehmeditation praktizierte und sich auch beim Essen zu zweit gegenübersetzte. Der Effekt war eine sehr starke Präsenz – eine “Flucht” vor dem gegenwärtigen Moment war fast unmöglich, sowohl äusserlich und, bis zu einem gewissen Grad, auch innerlich.

6. Freude, Freude – Wut, Wut – Denken, Denken
–Vipassana nach der Methode von Mahasi Sayadaw

Anagarika Munindra lehrte nach der Methode seines Lehrers Mahasi Sayadaw aus Burma. Die Grundübung, der Anker- und Sammlungspunkt der Meditation, ist dabei die Achtsamkeit des Ein- und Ausatmens (anapanasati). Sobald eine gewisse Konzentration, Ruhe und Kontinuität der Präsenz erreicht ist, beginnt man, das Gewahrsein für alle anderen “Objekte” zu öffnen, wenn diese in den Vordergrund treten – seien es Körperempfindungen, Sinneserfahrungen, Gefühle oder Gedanken. Diese “Erfahrungsobjekte” werden nun direkt und unmittelbar wahrgenommen als das, was sie sind: die Erfahrung des Hörens als "Hören", Gefühle als "Fühlen", Gedanken als "Denken" – ohne sich um ihren Inhalt zu kümmern oder sich gar darin zu verlieren.
Um dieses nicht-involvierte, “nackte” Gewahrsein der Erfahrung eines jeden Moments zu unterstützen, kann die Methode des innerlichen "Benennens" sehr hilfreich sein. Dabei wird die unmittelbare, direkte Erfahrungsqualität benannt: das Heben der Bauchdecke beim Einatmen als "Heben", beim Ausatmen als "Senken", das Hören von Geräuschen als "Hören, Hören", das Sehen von Farben und Formen als "Sehen, Sehen", das Erfahren einer Emotion als "Wut, Wut" oder als "Freude, Freude", Gedanken über Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft als "Denken, Denken" und so weiter. Das Benennen sollte aber höchstens fünf bis zehn Prozent des achtsamen Geistes beanspruchen. Die anderen 90 Prozent sollten in direktem Kontakt mit der eigentlichen Erfahrung stehen. Die Methode des Benennens ist aber nicht jedermanns Sache. Im Westen wird sie, selbst von Lehrenden der Mahasi-Meditation, meistens weggelassen. Viel wichtiger bei der Praxis ist: Die innere Haltung des Gegenwärtigseins soll nicht kritisch, wertend oder urteilend, sondern sanft, liebevoll und gelassen sein. Gelingt dies nicht, können wir das Urteilen selber, oder die Ungeduld selber zum Objekt der Achtsamkeit machen.

Von grösster Bedeutung für diese Übung sind Entschlossenheit, Interesse und Ausdauer. Je präziser, kontinuierlicher, fliessender die Moment-zu-Moment-Achtsamkeit wird, je tiefer die nicht-reaktive Ruhe und Wachheit zunimmt, desto klarer können wir die wahre Natur aller Erfahrungen und aller Dinge erleben und erkennen. Die vergängliche (anicca), unerfüllende (dukkha), nicht-fassbare/nicht-selbst Natur (anatta), die leer ist von jeder Selbstexistenz, wird dadurch deutlich spürbar und letztlich unübersehbar. Dies überzeugt Herz und Geist, allen Dingen des Daseins weniger reaktiv, mit weniger Festhalten und “Haben-Wollen” und mit weniger Abneigung und “Weghaben-Wollen” zu begegnen. Eine sich vertiefende Gelassenheit ermöglicht dem Geist letztlich, sich der “Erfahrung” des Unbedingten (nibbana) zu öffnen. All unsere leidschaffenden Emotionen und Verhaltensweisen können wir durch diese Praxis verringern und uns letztlich sogar vollständig von ihnen befreien – zugunsten eines Verhaltens, das von echter Weisheit geprägt ist, von tiefem Mitgefühl bewegt wird und das mit den Dingen des Seins in Einklang steht. Es ist ein Weg zu innerem Frieden, zur Freiheit vom Leiden und zu inniger Verbundenheit mit allem Leben.


7. Sechszehn Stunden sitzen, gehen, sitzen – die Praxis in Burma
Wie in Asien Ordinierte, aber auch Laien in der Mahasi Tradition praktizieren, zeigt der Blick auf einen typischen Tagesablauf in einem Vipassana-Zentrum in Yangon:
  • 3.15 Uhr: Der Tag beginnt – wegen der Hitze oft mit einer kalten Dusche.

  • 3.45 Uhr: Die Meditation beginnt; immer eine volle Stunde Sitzmeditation, eine Stunde Gehmeditation, eine Stunde Sitzmeditation ... bis ca. 22 Uhr.

  • 6.30 Uhr: Frühstück.

  • 10.45 Uhr: Mittagspause. Das Mittagessen ist die einzige Hauptmahlzeit – für manche der Höhepunkt des Tages. Meist gibt es, ganz nach dem Geschmack der Einheimischen, sehr scharfe, ölige Fleisch- und Gemüsecurrys, die von freiwilligen Helfern ins Zentrum gebracht oder dort zubereitet werden. Für Mönche, Nonnen und praktizierende Laien kochen zu dürfen und ihnen das Essen zu bringen, gilt in diesen Ländern bei Buddhisten als hochgeschätztes Privileg. So bringen die Leute meist das Beste von dem, was sie geben können.  Nach dem Mittagessen gibt es, entsprechend den buddhistischen Regeln, nichts mehr zu essen – allenfalls unter dem Begriff "Medizin" laufende Kleinigkeiten, wie Kugeln aus Koreander, Schmalz und Zucker oder ähnliches.

  • 21 Uhr: Die letzte Gehmeditation (bis 22 Uhr). Nach einem 16-Stunden-Meditationstag kann das ganz schön anstrengend sein.

  • 22-23 Uhr: "Sitzmeditation auf dem Bett", was auch immer dabei herauskommt.

  • 3.15 Uhr: Jetzt ist wieder Zeit zum Aufstehen …

Auch in Yangon begleiten die Geräusche des Alltags die Meditation: Baulärm, Zementmischmaschinen, Lautsprecher ... und zahllose, bei jeder Gelegenheit heulende Hunde. Täglich oder jeden zweiten Tag gibt es “Interviews”, kurze Gespräche mit dem Lehrer, die meist in grossen Gruppen stattfinden. "Privatsphäre" ist in diesen Kursen, wie wohl in Asien überhaupt, ein Fremdwort. In diesen Interviews geht es niemals um philosophische, gedankliche oder emotionale Inhalte, sondern ausschliesslich um Fragen der Meditationstechnik und der unmittelbaren Meditationserfahrung: Was erfährst du beim Einatmen, was beim Ausatmen? Was genau nimmst du wahr, wenn du den Fuss hebst, vorwärts bewegst, senkst und wieder hinstellst? Achtsamkeit von höchster Präzision und Kontinuität wird erwartet, und der wohl häufigste Rat lautet: "Bitte streng dich mehr an, schau genauer hin, sei noch kontinuierlicher präsent.” “Heroische Anstrengung”, die Betonung des Bemühens, ist häufig das Motto dieser Kurse – wobei die asiatischen Temperamente dies oft mit mehr Unbeschwertheit tun als wir Abendländer.

Die Kurse dauern von zehn Tagen bis zu einigen Monaten. Nicht wenige Menschen aber, die ihr Leben vollständig der Befreiung durch Meditation widmen wollen, praktizieren sehr viel längere Perioden, solange, bis sie die angestrebten Ziele verwirklicht haben. Manche burmesischen Schulen gehen diese Praxis äusserst systematisch an. Und von Menschen, die nach diesem System die erste Stufe der Erleuchtung erlangt haben, heisst es, dass sie "den (ersten) Kurs abgeschlossen" haben.

Erfahrene Meditierende werden in dieser Tradition auch dazu ermutigt, die sogenannten Brahmaviharas zu praktizieren. Dabei geht es um das meditative Kultivieren der Herzensqualitäten von liebevoller Güte (metta), Mitgefühl (karuna), Mitfreude (mudita) und Gleichmut (upekkha). Diese Qualitäten werden mit den Methoden der Samatha-Meditation – der Sammlung und des ruhevollen Verweilens – systematisch entwickelt und vertieft. Mehr als durch die blosse gute Absicht oder durch sporadisches Üben in Alltagssituationen kann – vor allem im Retreat – durch konzentrierte Praxis eine tiefgreifende innere Wandlung hin zu stärkerer Zuwendung, Verbundenheit und tiefem Mitgefühl für alle Lebewesen bewirkt werden. Mit dieser Überlieferungslinie ist uns Menschen des Westens eine Mine reinen Goldes zugänglich gemacht worden.

8. Aufbruch nach Westen – Vipassana in den USA und in Europa
Joseph Goldstein, ein Amerikaner, war während des Vietnam-Krieges mit dem von John F. Kennedy gegründeten Peace Corps nach Thailand gekommen, hatte dort die Meditation entdeckt, war weiter nach Indien gezogen und hatte dort schon sieben Jahre bei Munindra und Goenka praktiziert. 1973 bat Anagarika Munindra Goldstein, den eben stattfindenden Kurs gemeinsam mit ihm zu leiten. Joseph Goldsteins erster Vortrag über "Bare Attention" (nackte Achtsamkeit) war für mich eine Offenbarung. Es war, als hätte ich nach all den Jahren intensiver Praxis, mit all meinen westlichen Konzepten und Vorstellungen noch einmal ganz von neuem begriffen, worum es in Praxis und Lehre wirklich geht. Zum ersten Mal hörte ich das Dharma in unserer Sprache, in der Sprache unserer Kultur und Psychologie, für die es im asiatischen Sprachraum oft gar keine Worte gibt. Dieses Problem der sprachlichen Hürden zeigte sich bei einem Besuch von Mahasi Sayadaw im Westen. Bei einem Gespräch mit Schülern aus den USA war – wie so oft – von emotionalen und psychologischen Problemen die Rede. Es stellte sich heraus, dass eine genaue Übersetzung nicht möglich war, weil verschiedene westliche Begriffe im burmesischen Wortschatz einfach nicht existieren. Durch Joseph Goldsteins “Übersetzen” der Lehre in westliche Denkvorstellungen jedoch waren viele von uns vom Dharma inspirierter als je zuvor!

1974 wurden Joseph Goldstein und Jack Kornfield, die eben aus Asien in die USA zurückgekehrt waren (Jack Kornfield hatte als Mönch in Thailand praktiziert), von Lama Chögyam Trungpa Rinpoche eingeladen, in einem seiner Seminare Vipassana-Meditation zu lehren. Man muss sich die Szene vorstellen: Da waren Hunderte von Hippies und Freaks, die Trungpas brillante Vorträge über tibetischen Buddhismus hörten, gefolgt von Ram Dass, der eineinhalb Stunden voller Hingabe das Singen indischer Mantras und Kirtans anleitete. Und schliesslich, nach kurzer Pause: stilles Sitzen in Vipassana-Meditation, mit den präzisen Anweisungen von Joseph Goldstein und Jack Kornfield.   Es waren "die wilden alten Tage" der Geburt des Dharma im Westen!

Noch 1974 leiteten Joseph Goldstein, Jack Kornfield und Sharon Salzberg das erste Drei-Monate-Vipassana-Retreat in den USA. Seitdem findet das Retreat einmal im Jahr mit rund hundert Teilnehmern in der Insight Meditation Society (IMS) in Barre, Massachusetts, statt.   Daneben gibt es das ganze Jahr Retreats von unterschiedlicher Länge, hauptsächlich unter der Leitung westlicher Lehrer und Lehrerinnen der Vipassana-Meditation.
Jack Kornfield, damals einer der Leiter des IMS, war Mitte der 80er Jahre Mitbegründer des Spirit Rock-Zentrums in Kalifornien.   Auch dieses Zentrum bietet heute ein breites Programm von Seminaren über Spiritualität, Meditation und verwandte Themen sowie Vipassana-Meditationsretreats an. Zudem bildet Jack Kornfield langjährig Praktizierende zu Meditationslehrenden aus.

Aus der Insight Meditation Society (IMS), die inzwischen ihr 20jähriges Jubiläum feierte, sind seit den 70er Jahren eine stattliche Anzahl von Vipassana-Lehrenden hervorgegangen. Die wohl bekanntesten, die heute in Europa Kurse von einigen Tagen bis zu mehreren Wochen leiten, sind  – neben Joseph Goldstein, Jack Kornfield, Ruth Denison und Sharon Salzberg – Carol Wilson, Corrado Pensa, Fred von Allmen und andere.  

Christopher Titmuss, ein Engländer, lebte in den 70er Jahren in Thailand als Mönch im Kloster von Ajahn Dhammadharo. Nach Jahren intensiver Praxis wurde er von seinem Lehrer eingeladen, für die westlichen Schüler und Besucher zu lehren. Später ging Christopher nach Indien, wo er, noch als Mönch, viele Kurse für Westler leitete. Dies tat er oft gemeinsam mit der Kanadierin Christina Feldman, die bei Lehrern der tibetischen (Geshe Rabten) und der Theravada-Tradition (Goenka und Munindra) praktiziert hatte. Anfang der achtziger Jahre zogen Christopher und Christina nach England, wo sie im Südwesten, in Devon, das Gaia House gründeten.   Seit 1984 gibt es dort Meditationskurse mit verschiedenen LehrerInnen, vor allem im Stil der Vipassana-(Erkenntnis-) Meditation (insight meditation). Im Zentrum besteht auch die Möglichkeit, langdauernde, von Lehrenden betreute Einzelretreats zu machen. Christina Feldman bietet gelegentlich spezielle Meditationskurse für Frauen an, und Christopher Titmuss ist als Aktivist für die Umwelt und den Frieden tätig. Auch als Buchautoren sind die beiden bekannt.   Weitere LehrerInnen im Gaia House sind die Amerikanerin Sharda Rogell, die Schweizerin Yvonne Weier, der Neuseeländer Yanai Pastelnik und andere.

In der Schweiz finden seit 1974 Vipassana-Kurse statt, anfangs mit westlichen Lehrenden der U Ba Khin-Tradition. Die oben erwähnten Lehrenden der Mahasi-Tradition werden vor allem von der Dhamma Gruppe Schweiz eingeladen.   Sie wurde 1978 gegründet und hat in den mehr als 20 Jahren ihres Bestehens weit über hundert Vipassana-Meditationskurse und -retreats organisiert. Seit 2001 führt sie ein Zentrum für buddhistische Meditation in den Schweizer Alpen.

Auch in Deutschland gibt es eine Anzahl Meditationszentren, welche  Vipassana-Kurse anbieten.
Im Norden ist es das Haus der Stille,  in der Eifel das Waldhaus am Laachersee,  in Bayern das Seminarhaus Engl,  welche Vipassana-Kurse in der Mahasi- und ähnlichen Traditionen anbieten. Noch mehr Kurse und Belehrungen dieser Traditionen gibt es in einer Vielzahl von Stadtzentren. Im Buddha Haus   im Allgäu wird in der Nachfolge der verstorbenen Nonne Ayya Khema gelehrt, in einem Stil, der sich stark an die Samatha Meditation, die Meditation der inneren Sammlung anlehnt.

In Italien gibt es seit 1987 den Verein A. Me. Co. (Vereinigung für Erkenntnis-Meditation),  der Kurse und Retreats mit Corrado Pensa und vielen anderen westlichen und östlichen Lehrenden anbietet. Gründer des Vereins ist Corrado Pensa, Psychotherapeut und Professor für orientalische Studien aus Rom, der ebenfalls in Asien sowie am IMS in den USA lange Jahre Vipassana praktizierte.

Überall in Europa und den USA gibt es heute eine grosse Zahl von Organisationen und Zentren, die Kurse und Retreats in den verschiedenen Stilen der Vipassana-Meditation anbieten. Dieser Weg ist das Erbe einer langen Überlieferungskette von Menschen, die diese Lehre und Praxis geübt, verwirklicht, gelehrt und weitergegeben haben. Es ist ein kulturfreier, unkomplizierter, aber sehr wirkungsvoller Weg zur Befreiung von Herz und Geist, der von jedem von uns entdeckt, erforscht, praktiziert werden kann. Wenn wir dieses Geschenk nutzen, wird es uns in zunehmendem Mass befreien und helfen, eine sinnvolle, liebevolle Art und Weise des Lebens zu entwickeln.